Statement

Eine fortschreitende Individualisierung bringt im Zuge der Überwindung traditioneller Restriktionen und Normen vermeintlich höhere Freiheitsgrade mit sich, ist aber auch mit einer Zunahme an Verunsicherung verbunden und erfordert vielfach das Aushalten von Ambivalenzen. Veränderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Lebensstilen verlangen neue Strategien bei der Suche nach Orientierung und Sinn und erfordern in wachsendem Maße intra- und interpersonelle Kompetenzen.

In einer Wissensgesellschaft mit einem weltweit ansteigendem Qualifikations- und Bildungsniveau und einer stetig wachsenden Innovationsgeschwindigkeit sind Konzepte für individuelles, lebenslanges und vor allem eigenständiges Lernen von großer Bedeutung.

Zukünftigen Herausforderungen, wie z.B. ein rasanter technischer Fortschritt, demographische Entwicklungen, Ressourcenverknappung, veränderte Wettbewerbsbedingungen im Rahmen der Globalisierung, Urbanisierung, zunehmende Risikodichte, veränderte Geschlechterrollen sowie eine im Umbruch befindlichen Arbeitswelt konfrontieren Individuen und Gesellschaften mit neuen und sich ständig erneuernden Anforderungen, Belastungen und Rollenerwartungen.

„Die achtsame und bewusste Wahrnehmung und Regulation eigener Bedürfnisse, Emotionen, Haltungen, Verhaltensweisen und Kommunikationsformen sind wesentliche Fähigkeiten für ein individuell erfolgreiches und sinnerfülltes Leben ebenso wie für ein gelingendes gesellschaftliches Zusammenleben in einer sich zunehmend schneller verändernden Welt. Schule, Hochschule und andere, im Bereich von Bildung und Erziehung relevante Institutionen, sollten diese Fähigkeiten berücksichtigen, fördern und nutzen.“

Im Zuge der sprunghaften Weiterentwicklung von Informationstechnik, Automatisierung und Robotik – insbesondere auch Fortschritte in der Miniaturisierung, der Nanotechnologie, der Bionik und bei der Entwicklung zunehmend leistungsstärkerer Algorithmen – werden beständig höhere Anforderungen an Aufmerksamkeitsregulation und Informationsmanagement gestellt. Die Digitalisierung gewinnt fortwährend stärkeren Einfluss auf menschliches Wahrnehmen, Empfinden und Handeln. Dabei wird eine selbstbestimmte und aufgeklärte Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnittstellen immer bedeutsamer.

Ein Großteil der angesprochenen Entwicklungen ist mit Gegensätzen von individuellen und gesamtgesellschaftlichen Interessen verbunden, was ggf. zu einer Verschärfung von Gesetzen und politischen Markteingriffen führen wird. Bei gleichzeitig zunehmender Machtlosigkeit einer regionalen Gesetzgebung werden Verhandlungskompetenzen all jener, die an technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen partizipieren immer bedeutsamer, um einen Interessenausgleich zwischen einzelnen wie auch zwischen Gesellschaften zu ermöglichen.

Alle diese prognostizierten zukünftigen Entwicklungslinien erfordern in hohem Maße Kompetenzen der Selbstregulation und des situationsangemessenen Selbstmanagements. Gesellschaftliche und individuelle Problemstellungen erfordern neben eher kognitiven Fertigkeiten, wie z.B. eines kritischen und reflektierten Umgangs mit Informationen, auch ein hohes Maß an Emotions- und Verhaltensregulation, als Voraussetzung für angemessene Belastungsbewältigung, Ambiguitätstoleranz, Aufmerksamkeitszuwendung, Selbstorganisiertes Lernen, Entscheidungsfindungen und den proaktiven und kreativen Umgang mit komplexen Problemkonstellationen.

In Bildungsprozessen in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung liegt das Hauptaugenmerk in der Regel auf der Vermittlung von Informationen oder von kognitiven Fertigkeiten und Strategien. Wenngleich Lernmotivation in allen Bildungseinrichtungen durchaus eine Rolle spielt, erfolgt ihre Berücksichtigung häufig eher als Mittel zum Zweck einer erfolgreichen Vermittlung. Die beschriebenen Entwicklungslinien und Zusammenhänge lassen es darüberhinaus als erforderlich erscheinen, neben der Gestaltung von lern- und leistungsförderlichen motivationalen und emotionalen Bedingungen, die Möglichkeiten zur Förderung entsprechender regulatorischer Kompetenzen noch stärker in den Fokus zu nehmen und insbesondere auch Hürden bei der breitangelegten praktischen Umsetzung einer Vielzahl bereits vorliegender und empirisch gut begründeter Konzepte und Methoden – aus den Bereichen der Pädagogischen Psychologie, der Pädagogik oder der Fachdidaktiken – zu hinterfragen und zu überwinden. Die gleichen Konzepte (z.B. bezüglich Ambiguitätstoleranz, motivationsfördernde Gesprächsführung etc.) spielen eine wichtige Rolle bei der notwendigen Einbeziehung von Lehrern, anderen pädagogischen Fachkräften oder Eltern in entsprechende Bildungs-, Erziehungs- oder Veränderungsprozesse. Nicht zuletzt ist die Beschäftigung mit den emotionalen, motivationalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Aspekten von Veränderungsprozessen bei jeder technischen oder gesellschaftlichen Innovation notwendig, wenn deren Anwendung erfolgversprechend und verantwortungsvoll erfolgen soll.

Prof. Dr. Uli Sann

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